Aikido als Weg – Begegnungen, Erfahrungen und Erkenntnisse
Gespräch mit Manfred Antoni – Erinnerungen an Aikido, Lehrer und Entwicklungslinien
40 Jahre Aikido in unserem Verein – das bedeutet auch 40 Jahre Geschichten, Begegnungen und Menschen, die diese Abteilung geprägt haben. Einer dieser Menschen ist Manfred. Als langjähriger Übungs- und Abteilungsleiter hat er die Entwicklung unserer Aikido-Gruppe über viele Jahre begleitet. Manfreds Weg zeigt Aikido nicht als Techniksystem, sondern als Erfahrungsraum zwischen Beruf, Körperarbeit und persönlicher Entwicklung. Seine Erzählungen verbinden Dojo-Praxis, internationale Lehrtraditionen und die alltägliche Arbeit mit Konflikten zu einem kontinuierlichen Lernprozess, der bis heute nicht abgeschlossen ist.

Manfred beschreibt seinen Weg ins Aikido nicht als geradlinige sportliche Entwicklung, sondern als eine biografische Bewegung zwischen verschiedenen Welten: Herkunft aus einfachen Verhältnissen, berufliche Umwege, Erfahrungen im psychologischen und psychiatrischen Kontext – und schließlich die Begegnung mit Aikido als Praxis, die Körper, Wahrnehmung und Konfliktverständnis miteinander verbindet.
Sein Zugang zur Kampfkunst ist dabei nie rein technisch gewesen. Vielmehr zieht sich durch seine Erzählung die Frage, wie Menschen miteinander in Beziehung treten – im Konflikt, in der Führung und im Moment der direkten Begegnung.

Manfred beschreibt seinen Weg ins Aikido nicht als geradlinige sportliche Entwicklung, sondern als eine biografische Bewegung zwischen verschiedenen Welten: Herkunft aus einfachen Verhältnissen, berufliche Umwege, Erfahrungen im psychologischen und psychiatrischen Kontext – und schließlich die Begegnung mit Aikido als Praxis, die Körper, Wahrnehmung und Konfliktverständnis miteinander verbindet.
Sein Zugang zur Kampfkunst ist dabei nie rein technisch gewesen. Vielmehr zieht sich durch seine Erzählung die Frage, wie Menschen miteinander in Beziehung treten – im Konflikt, in der Führung und im Moment der direkten Begegnung.
Wie sah dein Weg vor dem Aikido aus? Gab es früh schon bestimmte Interessen oder Prägungen?
Ich hatte als Kind schon sehr viele ruhige Phasen. Ich war gerne in der Kirche, Beten und solche Dinge – das waren für mich Momente der Ruhe. Ich war kein hektisches Kind, eher ruhig und nach innen gerichtet.
Auch später hat sich das fortgesetzt. Als ich zum Studium gekommen bin, habe ich nach wenigen Monaten – ohne dass ich gezielt danach gesucht hätte – einen Kurs für autogenes Training belegt. Ich kann gar nicht genau sagen, warum. Das hat sich einfach so ergeben.
Das war in den 70er Jahren, ich habe ungefähr 1976 angefangen zu studieren, innerhalb der ersten beiden Jahre.
Wo hast du studiert und wie bist du dahin gekommen?
Ich habe in Bochum studiert. Vorher bin ich von Wiesbaden ins Ruhrgebiet gezogen, nach Hattingen.
Das war kein geradliniger akademischer Weg. Ich habe vorher das Abendgymnasium gemacht, um das Abitur nachzuholen. Ich hatte eine abgeschlossene Berufsausbildung und mittlere Reife – ich war Fernmeldehandwerker bei der Post, eine dreieinhalbjährige Ausbildung.
Das Abendgymnasium habe ich eher zufällig entdeckt. Da stand eine kleine Anzeige in der Lokalzeitung: neue Kurse, noch Plätze frei. Ich habe Kollegen gefragt: „Was ist eigentlich Abendgymnasium?“ und habe dann einfach angerufen und angefangen.
Hattest du damals schon eine klare Vorstellung, was du studieren willst?
Nein, überhaupt nicht. Nach dem Abitur standen wir da im Auditorium und haben erstmal ganz normal miteinander gesprochen: „Was machst du jetzt?“
Da war nichts Konkretes geplant. Ich habe das Abitur gemacht, weil ich gerne zur Schule gegangen bin, nicht mit einem festen Ziel dahinter.
Erst später habe ich mich überhaupt orientiert. Ich war in der Bibliothek, habe angefangen zu lesen – das war neu für mich. Ich habe vorher als Kind und Jugendlicher kaum gelesen.
Was hast du damals gelesen oder was hat dich geprägt?
Ich habe mir sehr unterschiedliche Dinge angeschaut. Unter anderem auch philosophische und psychologische Texte, zum Beispiel die Mitscherlichs oder Texte wie „Massenpsychologie und Ich-Analyse“.
Auch Kant oder Theologie- und Anthropologiebücher wie von Teilhard de Chardin sind mir begegnet.
Das war eher ein zufälliges Eintauchen. Ich habe gelesen wie ein Schwamm, ohne ein festes System.
Wie bist du dann konkret zu Psychologie gekommen?
Zur ZVS-Zeit hatte ich ehrlich gesagt keine klare Orientierung. Man musste ja mehrere Orte angeben. Ich habe Wiesbaden, Mainz, Frankfurt, Heidelberg eingetragen – Bochum war irgendwo ganz unten auf der Liste.
Und dann bin ich in Bochum gelandet.
Wie war die Anfangszeit an der Universität?
Sehr offen, sehr experimentell. In der Fachschaft waren viele verschiedene Leute, auch politisch bewegte Gruppen – das war die Zeit der entstehenden Basisgruppen und späteren Grünen.
Ich hatte dort wenig feste Struktur, aber viel Kontakt zu Menschen, die ganz anders gedacht haben als ich.
Wie war deine Wohnsituation damals?
Ich habe sehr einfach gewohnt. Ein kleines Zimmer in Hattingen, eher ein schmaler Raum mit Schreibtisch und Bett – alles sehr reduziert.
Das war aber egal, weil ich viel Zeit an der Universität und in der Bibliothek verbracht habe.
Wie hast du damals gelernt?
Ich war im Prinzip jeden Morgen in der Bibliothek, sobald sie geöffnet hat.
Ich habe sehr intensiv gelesen, teilweise ohne konkreten Anlass. Ich habe mich durch Bücher bewegt, ohne einen festen Plan.
Das war eine sehr aufnehmende Phase.
Gab es in dieser Zeit schon erste Berührungspunkte mit Aikido?
Ja, indirekt.
Ich bin irgendwann in einem Buch auf den Begriff Aikido gestoßen. Das war nur eine kurze Erwähnung, nichts Vertieftes, aber der Begriff ist hängen geblieben, ohne dass ich ihn damals wirklich einordnen konnte. Danach war das wieder weg, Fußball war in der Zeit eigentlich das, was für mich im Vordergrund stand.
Der eigentliche Bezug entstand erst viel später durch eine konkrete Erfahrung.
Ich komme aus der Arbeit mit Menschen und habe in der Psychiatrie gearbeitet. Da geht es ja viel um Konflikte, um Verhalten, um Reaktionen. ich habe damals eine Situation erlebt, in der mir sehr schnell klar wurde: Wenn diese beiden Personen aufeinandertreffen, entsteht ein Konflikt.
Ich habe die Dynamik früh erkannt und versucht, die Situation so zu beeinflussen, dass sie sich gar nicht erst direkt begegnen. Es ging also nicht darum, einen Konflikt zu lösen, sondern ihn vorher gar nicht entstehen zu lassen.
Das hat in dem Fall funktioniert.
Zu meinem 40. Geburtstag ist mir diese Situation wieder eingefallen und in diesem Moment kam auch der Begriff Aikido wieder hoch – den ich irgendwann vorher gelesen hatte.
Ich habe dann angefangen, das miteinander zu verbinden: diese Idee aus dem Aikido, nicht gegen eine Kraft zu arbeiten, sondern eine Situation aufzunehmen und umzuleiten, und das, was ich in dieser konkreten Alltagssituation erlebt hatte.
Genau diese Verbindung hat bei mir Neugier ausgelöst. Ich wollte wissen, ob das, was ich intuitiv gemacht hatte, etwas mit dem zu tun hat, was im Aikido beschrieben wird.
Dann habe ich im Telefonbuch gesucht: Aikido – nichts. Im Branchenbuch auch nichts.
Irgendwann stand etwas vom Stadtsportbund in der Zeitung. Da habe ich angerufen und gefragt, welche Vereine Aikido anbieten.
Die haben mir zwei Telefonnummern gegeben. Beim ersten Verein ging niemand ran. Die zweite Nummer war TSC Eintracht.
Und dann bist du einfach hingegangen?
Ja. Ich bin hingegangen und habe mir das angeschaut. Ich bin erstmal immer oben auf die Galerie gegangen und habe zugeschaut.
Und das hat mir sofort gefallen. Die saßen da alle in Weiß auf der Matte. Das hat eine ganz eigene Wirkung gehabt.
Die Bewegung, keine große Hektik. Es war ruhig und trotzdem dynamisch.
Das hat mich direkt angesprochen.
Was war es genau, was dich fasziniert hat?
Es war diese Ruhe, diese Konzentration. Man hatte das Gefühl: Da passiert etwas anderes als nur Bewegung. Das war anders als bei vielen anderen Sportarten.
Ich hatte sofort ein sehr klares Bild im Kopf – so eine erste Wahrnehmung, die sich einprägt und nicht mehr verschwindet. Dieses erste Sehen vergisst man nicht.
Es war nicht dieses Gegeneinander, das ich aus anderen Kontexten kannte. Es war etwas anderes, schwer direkt zu benennen, aber deutlich spürbar: eine andere Art von Präsenz.
Und genau das hat mich neugierig gemacht.
Ich habe dann angefangen zu trainieren. Am Anfang durfte ich noch nicht überall mitmachen, Anfänger und Fortgeschrittene waren damals klar getrennt.
Aber ich war praktisch Dauergast.
Du bist dann sehr schnell auch auf Lehrgänge gefahren?
Ja, ziemlich schnell. Ende 1989 habe ich mit Aikido angefangen und kurz darauf stand bereits der Weihnachtslehrgang bei Jean-Luc Subileau in Niort an.
Allerdings habe ich mir damals die rund 1.000 Kilometer lange Fahrt mit meiner Ente nicht zugetraut. Zufällig war Udo Ziegenhagel über Weihnachten bei seinen Eltern in Duisburg und wollte anschließend ebenfalls nach Niort fahren. So bin ich zunächst mit meiner Ente nach Duisburg gefahren und von dort aus gemeinsam mit Udo weiter nach Frankreich.
Das war ein prägendes Erlebnis. Nach wenigen Tagen war die Begeisterung endgültig entfacht – von da an wollte ich jede Gelegenheit nutzen, auf Lehrgänge zu fahren.
Was bedeuteten diese Lehrgänge für dich?
Das war eine ganz besondere Zeit. Morgens Training, dann wieder Training, abends nochmal. Eine ganze Woche drehte sich alles um Aikido.
Es war ein gemeinsames Leben auf Zeit – trainieren, essen, Gespräche führen und die Abende miteinander verbringen.
Wir haben damals oft direkt im Dojo übernachtet. Im Winter konnte es dort so kalt werden, dass sich morgens sogar Raureif auf den Matten gebildet hatte. Dann begann der Tag mit der ersten Trainingseinheit – noch vor dem Frühstück.
Und während wir trainierten, zog langsam der Duft von frisch gekochtem Kaffee und Frühstück durch das Dojo. Das war jedes Mal ein besonderer Moment.
„Diesen Kaffeeduft am frühen Morgen vergesse ich bis heute nicht.“
Dafür sorgte vor allem Annie, Jean-Lucs Frau. Mit ihrer Gastfreundschaft hat sie diese Lehrgänge entscheidend geprägt. Sie bereitete das Frühstück vor, kochte für alle und kümmerte sich mit großer Herzlichkeit um die Teilnehmer.
Dadurch entstand eine Atmosphäre, in der man sich nicht wie auf einem gewöhnlichen Lehrgang fühlte, sondern wie bei Freunden. Ich glaube, nicht nur Dewar und ich haben Niort deshalb als etwas ganz Besonderes erlebt.
Leider ist Annie später verstorben. Nach einem Autounfall hatte sie sich zunächst zurück ins Leben zurückgekämpft, bevor sie schließlich an den Folgen eines Schlaganfalls starb.
Wenn ich heute an diese Zeit denke, erinnere ich mich deshalb nicht nur an das Training. Ich denke an die Menschen, an die Gemeinschaft – und an diesen Duft von Kaffee, der sich während des Morgentrainings langsam im kalten Dojo ausbreitete. Genau solche Erinnerungen machen diese Zeit für mich bis heute unvergesslich.
Du bist dann auch regelmäßig nach Frankreich gefahren?
Ja, sehr viel. Nach Niort zu Jean- Luc und nach Paris zu Christian Tissier, später auch zu anderen Lehrern.
Ich bin teilweise zwei- oder dreimal im Monat unterwegs gewesen.
Gerade die Fahrten nach Frankreich waren ein Erlebnis.
Ich bin oft freitags nach der Arbeit losgefahren. Teilweise über 600 oder 1000 Kilometer. Aber diese Fahrten waren für mich nicht stressig.
Ich hatte oft autogenes Training oder Meditationsmusik dabei. Dabei habe ich dieses freie, periphere Sehen gelernt.
Nicht nur starr nach vorne schauen, sondern den Raum wahrnehmen.
Das war unglaublich entspannend.
Du hast also Aikido nicht nur auf der Matte erlebt, sondern auch außerhalb?
Ja. Ich glaube, das war das Entscheidende. Es ging nicht nur um Techniken.
Es ging um Wahrnehmung, um Präsenz, darum, wie man sich bewegt.
Und irgendwann merkt man, dass sich solche Dinge verbinden.
Gab es einen Moment oder Lehrer, der dich besonders geprägt hat?
Ja, Yamaguchi Sensei war für mich ein ganz besonderer Moment.
Ich war noch relativ neu, Orangegurt. Die anderen sagten: „Da verstehst du sowieso nichts.“ Das war mir egal, ich bin trotzdem mitgefahren.
Dann kam er in die Halle.
Und was mich fasziniert hat: Er hat gar nichts Besonderes gemacht. Er ist einfach gegangen.
Aber diese Art, wie er sich bewegt hat – aufrecht, ruhig, natürlich. Das hat sich sofort eingebrannt.
Da habe ich verstanden: Man darf Menschen nicht nach dem Äußeren beurteilen. Es geht um Wirkung und Präsenz.
Ein Mensch kann einen Raum füllen, ohne etwas zu tun.
Das ist auch etwas, was du später selbst im Training weitergegeben hast?
Ja. Dieses Gefühl, sich dem Raum zu öffnen. Nicht nur auf den Partner schauen, sondern wahrnehmen, was um einen herum passiert.
Im Grunde kann man das immer weiterführen – bis hin zu Bewusstsein und dem Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein.
Das war für mich immer ein wichtiger Teil von Aikido.
Und dann bist du einfach hingegangen?
Ja. Ich bin hingegangen und habe mir das angeschaut. Ich bin erstmal immer oben auf die Galerie gegangen und habe zugeschaut.
Und das hat mir sofort gefallen. Die saßen da alle in Weiß auf der Matte. Das hat eine ganz eigene Wirkung gehabt.
Die Bewegung, keine große Hektik. Es war ruhig und trotzdem dynamisch.
Das hat mich direkt angesprochen.
Was war es genau, was dich fasziniert hat?
Es war diese Ruhe, diese Konzentration. Man hatte das Gefühl: Da passiert etwas anderes als nur Bewegung. Das war anders als bei vielen anderen Sportarten.
Ich hatte sofort ein sehr klares Bild im Kopf – so eine erste Wahrnehmung, die sich einprägt und nicht mehr verschwindet. Dieses erste Sehen vergisst man nicht.
Es war nicht dieses Gegeneinander, das ich aus anderen Kontexten kannte. Es war etwas anderes, schwer direkt zu benennen, aber deutlich spürbar: eine andere Art von Präsenz.
Und genau das hat mich neugierig gemacht.
Ich habe dann angefangen zu trainieren. Am Anfang durfte ich noch nicht überall mitmachen, Anfänger und Fortgeschrittene waren damals klar getrennt.
Aber ich war praktisch Dauergast.
Du bist dann sehr schnell auch auf Lehrgänge gefahren?
Ja, ziemlich schnell. Ende 1989 habe ich mit Aikido angefangen und kurz darauf stand bereits der Weihnachtslehrgang bei Jean-Luc Subileau in Niort an.
Allerdings habe ich mir damals die rund 1.000 Kilometer lange Fahrt mit meiner Ente nicht zugetraut. Zufällig war Udo Ziegenhagel über Weihnachten bei seinen Eltern in Duisburg und wollte anschließend ebenfalls nach Niort fahren. So bin ich zunächst mit meiner Ente nach Duisburg gefahren und von dort aus gemeinsam mit Udo weiter nach Frankreich.
Das war ein prägendes Erlebnis. Nach wenigen Tagen war die Begeisterung endgültig entfacht – von da an wollte ich jede Gelegenheit nutzen, auf Lehrgänge zu fahren.
Was bedeuteten diese Lehrgänge für dich?
Das war eine ganz besondere Zeit. Morgens Training, dann wieder Training, abends nochmal. Eine ganze Woche drehte sich alles um Aikido.
Es war ein gemeinsames Leben auf Zeit – trainieren, essen, Gespräche führen und die Abende miteinander verbringen.
Wir haben damals oft direkt im Dojo übernachtet. Im Winter konnte es dort so kalt werden, dass sich morgens sogar Raureif auf den Matten gebildet hatte. Dann begann der Tag mit der ersten Trainingseinheit – noch vor dem Frühstück.
Und während wir trainierten, zog langsam der Duft von frisch gekochtem Kaffee und Frühstück durch das Dojo. Das war jedes Mal ein besonderer Moment.
„Diesen Kaffeeduft am frühen Morgen vergesse ich bis heute nicht.“
Dafür sorgte vor allem Annie, Jean-Lucs Frau. Mit ihrer Gastfreundschaft hat sie diese Lehrgänge entscheidend geprägt. Sie bereitete das Frühstück vor, kochte für alle und kümmerte sich mit großer Herzlichkeit um die Teilnehmer.
Dadurch entstand eine Atmosphäre, in der man sich nicht wie auf einem gewöhnlichen Lehrgang fühlte, sondern wie bei Freunden. Ich glaube, nicht nur Dewar und ich haben Niort deshalb als etwas ganz Besonderes erlebt.
Leider ist Annie später verstorben. Nach einem Autounfall hatte sie sich zunächst zurück ins Leben zurückgekämpft, bevor sie schließlich an den Folgen eines Schlaganfalls starb.
Wenn ich heute an diese Zeit denke, erinnere ich mich deshalb nicht nur an das Training. Ich denke an die Menschen, an die Gemeinschaft – und an diesen Duft von Kaffee, der sich während des Morgentrainings langsam im kalten Dojo ausbreitete. Genau solche Erinnerungen machen diese Zeit für mich bis heute unvergesslich.
Du bist dann auch regelmäßig nach Frankreich gefahren?
Ja, sehr viel. Nach Niort zu Jean- Luc und nach Paris zu Christian Tissier, später auch zu anderen Lehrern.
Ich bin teilweise zwei- oder dreimal im Monat unterwegs gewesen.
Gerade die Fahrten nach Frankreich waren ein Erlebnis.
Ich bin oft freitags nach der Arbeit losgefahren. Teilweise über 600 oder 1000 Kilometer. Aber diese Fahrten waren für mich nicht stressig.
Ich hatte oft autogenes Training oder Meditationsmusik dabei. Dabei habe ich dieses freie, periphere Sehen gelernt.
Nicht nur starr nach vorne schauen, sondern den Raum wahrnehmen.
Das war unglaublich entspannend.
Du hast also Aikido nicht nur auf der Matte erlebt, sondern auch außerhalb?
Ja. Ich glaube, das war das Entscheidende. Es ging nicht nur um Techniken.
Es ging um Wahrnehmung, um Präsenz, darum, wie man sich bewegt.
Und irgendwann merkt man, dass sich solche Dinge verbinden.
Gab es einen Moment oder Lehrer, der dich besonders geprägt hat?
Ja, Yamaguchi Sensei war für mich ein ganz besonderer Moment.
Ich war noch relativ neu, Orangegurt. Die anderen sagten: „Da verstehst du sowieso nichts.“ Das war mir egal, ich bin trotzdem mitgefahren.
Dann kam er in die Halle.
Und was mich fasziniert hat: Er hat gar nichts Besonderes gemacht. Er ist einfach gegangen.
Aber diese Art, wie er sich bewegt hat – aufrecht, ruhig, natürlich. Das hat sich sofort eingebrannt.
Da habe ich verstanden: Man darf Menschen nicht nach dem Äußeren beurteilen. Es geht um Wirkung und Präsenz.
Ein Mensch kann einen Raum füllen, ohne etwas zu tun.
Das ist auch etwas, was du später selbst im Training weitergegeben hast?
Ja. Dieses Gefühl, sich dem Raum zu öffnen. Nicht nur auf den Partner schauen, sondern wahrnehmen, was um einen herum passiert.
Im Grunde kann man das immer weiterführen – bis hin zu Bewusstsein und dem Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein.
Das war für mich immer ein wichtiger Teil von Aikido.
Was genau hat dich an Yamaguchi Sensei fasziniert?
Er hat sich kaum bewegt. Ganz kleine, klare Bewegungen. Man konnte sehen, dass sein Aikido stark vom Schwert geprägt war.
Ich habe später viele Videos von ihm angeschaut. Diese Ruhe, diese Effizienz – das war für mich beeindruckend.
Für mich war das ein Ideal: ein Mensch, der sich entspannt und natürlich bewegt.
Gab es einen Moment mit ihm, der dir besonders geblieben ist?
Ja. Ich war Orangegurt und habe eine Technik gemacht. Yamaguchi kam mit Tessier an der Matte vorbei. Er hat mich beobachtet und mich korrigiert.
Mehr war es gar nicht. Er hat nur gesagt, dass ich die Ellbogen sinken lassen soll.
Aber dass dieser große Lehrer bei einem Anfänger stehen bleibt und ihn korrigiert – das vergisst man nicht.
Was war für dich die wichtigste Erkenntnis daraus?
Dass Aikido nicht über Kraft funktioniert.
Es geht nicht darum, jemanden zu ziehen oder zu drücken.
Es geht um Verbindung, Zentrum und Struktur.
Du hast einmal gesagt: „Es funktioniert wie Gravitation“. Was meinst du damit?
Wenn du dich anlehnst und mit deinem Körper arbeitest, nutzt du dein Gewicht.
Nicht Muskelkraft.
Du arbeitest mit Schwerkraft.
Das macht es weich.
Auch Endo Sensei war eine wichtige Begegnung für dich?
Ja. Bei meinem ersten Besuch bei Endo Sensei war ich auch noch Anfänger.
Ich sollte ihn angreifen und er hat einfach einen Ki-ai gemacht. Nicht laut, sondern eher eine Art Ausdruck.
Das hat mich tief beeindruckt. Es war nicht die Lautstärke, sondern die Präsenz dahinter.
Was war für dich besonders an ihm?
Endo hatte ein sehr weiches Aikido. Das war für mich ein großer Unterschied.
Ich glaube, das hatte auch mit seiner Geschichte zu tun. Als junger Mann hat er sehr hart trainiert, viel Kraft eingesetzt und dadurch Probleme bekommen. Seine Ellenbogen waren kaputt.
Irgendwann musste er anders arbeiten.
Also hat sich sein Aikido durch seine Verletzungen verändert?
Wahrscheinlich ja. Er konnte nicht mehr so arbeiten wie früher. Dadurch entstand dieses weichere Aikido.
Nicht weich im Sinne von schwach, sondern weich im Kontakt.
Was meinst du damit?
Bei vielen greift jemand an und steht dann erstmal fest. Dann beginnt die Technik.
Bei Endo war es anders. Du hast ihn gegriffen und warst schon in Bewegung. Er hat den Kontakt sofort aufgenommen.
Du konntest gar nicht richtig hart greifen.
Gibt es noch andere persönliche Erinnerungen an Endō Sensei, die du gerne erzählen möchtest?
Ja, eine Geschichte fällt mir sofort ein. Ich durfte Endō Sensei einmal von Dortmund zu einem Lehrgang nach Lichtenstein fahren. Mit im Auto saßen auch noch einige andere Aikidoka, unter anderem Ulf Rott.
Während der Fahrt lief eine CD mit Shakuhachi-Musik. Endō Sensei hörte aufmerksam zu und erzählte, dass die Melodie ursprünglich aus seinem Heimatdorf stamme. Das hat mich beeindruckt. Die Musik schien ihn zu entspannen und weckte bei ihm sichtlich Erinnerungen an seine Heimat.
Nach einer Weile beugte sich Ulf Rott von hinten nach vorne und sagte trocken: „Kannst du das Gedudel auch mal ausmachen?“ Das war in dem Moment einfach herrlich – während Endō Sensei die Musik genoss und sich darin wiederfand, sorgte Ulfs Kommentar für einen unerwartet komischen Kontrast.
Die 90er Jahre waren für dich also eine besonders intensive Aikido-Zeit. Was hat diese Phase geprägt?
Die 90er Jahre, vor allem bis 1997, waren die intensivste Zeit. Da war ich unglaublich viel unterwegs, auf Lehrgängen und bei verschiedenen Lehrern.
In dieser Zeit bin ich dann auch immer mehr in die Rolle gekommen, Verantwortung zu übernehmen.
Eigentlich hätte ich beim TSC schon früher übernehmen können. Die Tradition war damals: Wenn jemand aufhört, übernimmt der nächsthöher Graduierte.
Als Dewar aufgehört hat, wäre das eigentlich Petra Hörsting gewesen. Danach kam Stefanie Franke.
Wie war das damals mit deiner eigenen Entwicklung und den Prüfungen?
Ja, das ging relativ schnell. Ich habe 1989 angefangen und dann kamen die Prüfungen ziemlich dicht hintereinander.
Damals gab es auch noch den 6. Kyu. Das war der Einstieg. Heute ist das teilweise anders.
Dewar hatte mich mehrfach geprüft und danach Stefanie Franke.
Bei Stefanie Franke war es dann so: Ich stand für den zweiten Kyu an, also den Blaugurt. Und sie hat dann zu mir gesagt: „Ich prüfe dich nicht, du bist ja weiter als wir.“
Den Blaugurt habe ich dadurch praktisch bekommen, ohne die klassische Prüfung in dieser Form zu durchlaufen.
Das war schon eine außergewöhnliche Situation.
Der Hintergrund war einfach, dass ich damals sehr viel unterwegs war. Ich bin regelmäßig auf Lehrgänge gefahren, auch international, ohne dabei groß über Kosten nachzudenken.
Die 90er Jahre waren für dich also eine besonders intensive Aikido-Zeit. Was hat diese Phase geprägt?
Die 90er Jahre, vor allem bis 1997, waren die intensivste Zeit. Da war ich unglaublich viel unterwegs, auf Lehrgängen und bei verschiedenen Lehrern.
In dieser Zeit bin ich dann auch immer mehr in die Rolle gekommen, Verantwortung zu übernehmen.
Eigentlich hätte ich beim TSC schon früher übernehmen können. Die Tradition war damals: Wenn jemand aufhört, übernimmt der nächsthöher Graduierte.
Als Dewar aufgehört hat, wäre das eigentlich Petra Hörsting gewesen. Danach kam Stefanie Franke.
Wie war das damals mit deiner eigenen Entwicklung und den Prüfungen?
Ja, das ging relativ schnell. Ich habe 1989 angefangen und dann kamen die Prüfungen ziemlich dicht hintereinander.
Damals gab es auch noch den 6. Kyu. Das war der Einstieg. Heute ist das teilweise anders.
Dewar hatte mich mehrfach geprüft und danach Stefanie Franke.
Bei Stefanie Franke war es dann so: Ich stand für den zweiten Kyu an, also den Blaugurt. Und sie hat dann zu mir gesagt: „Ich prüfe dich nicht, du bist ja weiter als wir.“
Den Blaugurt habe ich dadurch praktisch bekommen, ohne die klassische Prüfung in dieser Form zu durchlaufen.
Das war schon eine außergewöhnliche Situation.
Der Hintergrund war einfach, dass ich damals sehr viel unterwegs war. Ich bin regelmäßig auf Lehrgänge gefahren, auch international, ohne dabei groß über Kosten nachzudenken.

Ich habe gearbeitet und mir das einfach ermöglicht – Benzin, Maut, Fahrten nach Frankreich – das war für mich kein Thema.
Es ging mir damals vor allem um das Training selbst.
Wann hast du deine Dan-Prüfungen gemacht?
Der erste Dan war am 08.01.1995 in La Rochelle vor einem Prüfungsgremium der französischen Aikido-Organisation FFAAA ab.
Nach fünf Jahren schon der erste Dan?
Ja, das war schnell. Danach kam der zweite Dan im Dezember 1997 in Niort, ebenfalls bei Jean-Luc. Der dritte Dan war dann im November 2000 in Hildesheim.

Ich habe gearbeitet und mir das einfach ermöglicht – Benzin, Maut, Fahrten nach Frankreich – das war für mich kein Thema.
Es ging mir damals vor allem um das Training selbst.
Wann hast du deine Dan-Prüfungen gemacht?
Der erste Dan war am 08.01.1995 in La Rochelle vor einem Prüfungsgremium der französischen Aikido-Organisation FFAAA ab.
Nach fünf Jahren schon der erste Dan?
Ja, das war schnell. Danach kam der zweite Dan im Dezember 1997 in Niort, ebenfalls bei Jean-Luc. Der dritte Dan war dann im November 2000 in Hildesheim.
Warum hast du die Dan-Prüfungen nicht beim TSC gemacht?
Das war damals nicht üblich. Die Linie lief über Jean-Luc. Die Lehrer haben irgendwann gesagt: Du bist soweit, du kannst den dritten Dan machen.
Die späteren Grade beim BDAL wurden teilweise verliehen.
Du warst damals sehr stark mit der Gruppe um Jean-Luc verbunden. Wie war diese Zeit für dich?
Das war eine herrliche Zeit. Bei Jean-Luc gab es eine richtige Gruppe, eine Gemeinschaft. Da waren Leute wie Udo Ziegenhagel, Dirk Müller und Ulli Kubetzek aus Frankfurt. Udo und Dirk haben damals in Marburg studiert und dort auch eine Gruppe geleitet.
Bei Jean-Luc gab es diese Gruppe der älteren Schüler, die schon länger dabei waren – die „Altvorderen“, die Spitze der Gruppe. Und danach kamen die anderen nach.
Das war eine besondere Atmosphäre.
Wie ging es weiter?
Wir waren bei Jean-Luc eine Gruppe von Schülern, aber über ganz Deutschland verteilt. Viele von uns waren im französischen Verband organisiert, weil Jean-Luc dort seine Verbindung hatte. Auch ich war zu Beginn in dem französischen Aikidoverband FFAAA und habe dort auch meine erste Dan Prüfung gemacht. Irgendwann gab es dann Veränderungen, weil der Verband sagte, dass diese Struktur mit Prüfungen und deutschen Schülern so nicht mehr funktionieren würde. Viele sind dann zum BDAL gegangen, in Richtung von Gerd Walter. Aber diese Zeit mit Jean-Luc und der ganzen Gruppe war schon etwas Besonderes.
Einer der wichtigen Lehrer für dich war Gerd Walter?
Ja. Bei ihm hätte ich gerne viel früher trainiert. Da kam viel mehr diese Verbindung von Körperwahrnehmung und Meditation rein.
Vor den Trainingseinheiten gab es teilweise eine halbe Stunde Meditation. In der Schweiz hatten wir sogar morgens Zazen vor dem Frühstück und nochmal vor dem Training.
Das war eine ganz andere Herangehensweise.
Was war der Unterschied zu Jean-Luc?
Bei Jean-Luc war es natürlich die technische Linie. Aber mit Gerd Walter kam mehr dieses innere Arbeiten dazu.
Körpergefühl, Wahrnehmung, Haltung.
Mit dem Wechsel zum BDAL änderte sich auch etwas an der äußeren Form des Aikido?
Ja, da änderte sich einiges.
Bei Jean-Luc gab es noch die farbigen Gürtel. Beim BDAL wurde dann traditioneller gearbeitet, dort trugen viele nur Weiß – teilweise sogar Danträger.
Das war erstmal ungewohnt. Die Farbe wurde dann abgelegt. Das war keine einzelne Entscheidung, sondern hat sich so entwickelt. Wir haben uns daran orientiert, dass es weniger um den äußeren Status geht.
Aber es war auch eine bewusste Entscheidung. Wir haben uns daran orientiert und gesagt: Wenn wir diesen Weg gehen, dann gehen wir ihn auch richtig.
Mussten damals alle Mitglieder in diesem Verband sein?
Nein. Beim BDAL war eigentlich nur der Dojo-Leiter Mitglied. Die anderen Teilnehmer nicht. Das war anders als bei den Franzosen, wo jeder eine Mitgliedschaft hatte und es jedes Jahr auch eine Marke gab. Beim BDAL war das viel kleiner organisiert. Da ging es eher um Verwaltung, Hauptversammlung und solche Dinge.
Der BDAL war ursprünglich eher der Verband der Aikido-Schulen, später wurde daraus der Verband der Aikido-Lehrer, weil nicht jeder ein eigenes Dojo hatte, sondern auch Vereinslehrer dabei waren.
Wenn du heute auf deinen Weg zurückblickst – was ist Aikido für dich geworden?
Es war für mich nie nur das Training.
Es waren die Menschen, die Gemeinschaft und die Begegnungen mit den unterschiedlichen Lehrern. Durch die vielen Lehrgänge und Reisen habe ich gesehen, dass Aikido ganz unterschiedliche Ausdrucksformen haben kann. Jeder Lehrer hat seinen eigenen Zugang. Manche arbeiten kraftvoller, andere sehr weich. Aber es gibt nicht nur einen Weg.
Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass es nicht nur um Technik geht. Es geht um Wahrnehmung.
Wie stehe ich? Wie bewege ich mich? Wie nehme ich den anderen wahr? Und wie gehe ich mit einer Situation um?
Das verändert auch den Blick auf Menschen. Man sieht nicht mehr nur die äußere Handlung, sondern versucht zu verstehen, was dahinter passiert.
Wenn du heute auf deinen Weg zurückblickst – was ist Aikido für dich geworden?
Es war für mich nie nur das Training.
Es waren die Menschen, die Gemeinschaft und die Begegnungen mit den unterschiedlichen Lehrern. Durch die vielen Lehrgänge und Reisen habe ich gesehen, dass Aikido ganz unterschiedliche Ausdrucksformen haben kann. Jeder Lehrer hat seinen eigenen Zugang. Manche arbeiten kraftvoller, andere sehr weich. Aber es gibt nicht nur einen Weg.
Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass es nicht nur um Technik geht. Es geht um Wahrnehmung.
Wie stehe ich? Wie bewege ich mich? Wie nehme ich den anderen wahr? Und wie gehe ich mit einer Situation um?
Das verändert auch den Blick auf Menschen. Man sieht nicht mehr nur die äußere Handlung, sondern versucht zu verstehen, was dahinter passiert.
Für mich ist Aikido deshalb auch kein Sport im klassischen Sinn. Natürlich gibt es Bewegung und Technik, aber im Kern geht es um etwas anderes.
Es geht darum, nicht ständig gegen etwas zu arbeiten. Nicht Kraft gegen Kraft zu setzen, sondern wahrzunehmen, was passiert, und damit umzugehen.
Das merke ich auch heute noch in meiner eigenen Praxis. Ich mache seit einigen Jahren Stehmeditation. Das klingt erstmal ganz einfach – man steht nur da. Aber gerade dadurch nimmt man sehr viel wahr.
Am Anfang kommen Gedanken wie: „Was mache ich hier eigentlich? Ich stehe einfach nur.“ Aber wenn man länger dabei bleibt, verändert sich etwas. Man richtet sich auf, die Aufmerksamkeit geht nach innen, und man spürt die eigene Achse.
Gerade für Aikido ist das wichtig. Man arbeitet mit der Schwerkraft, mit der eigenen Haltung und mit der Zentrierung.
Auch mit dem Bokken übe ich weiterhin. Dabei geht es mir nicht darum, stärker zu werden. Es geht darum, die Bewegung aus dem Zentrum heraus entstehen zu lassen und nicht aus Kraft.
Das ist etwas, was mich auch an Lehrern wie Endō Sensei oder Yamaguchi fasziniert hat. Die haben nicht gegen jemanden gearbeitet. Die haben aus ihrer Haltung heraus gearbeitet.
Du hast nicht das Gefühl, dass da jemand Kraft einsetzt. Es wirkt eher so, als würde die Bewegung ganz natürlich entstehen.
Und vielleicht ist das die wichtigste Erfahrung: Aikido verändert, wie man Situationen wahrnimmt. Man versucht nicht mehr nur zu reagieren, sondern erst einmal zu verstehen.
Wenn du an deine ersten Jahre beim TSC zurückdenkst – was ist dir besonders in Erinnerung geblieben?
Dieses erste Bild von der Galerie.
Ich stand oben und schaute auf die Matte. Die Leute saßen vor dem Training vor dem Vorhang, ganz ruhig, und bereiteten sich vor. Dieses Bild hat sich bei mir eingebrannt.
Damals waren teilweise zwanzig oder dreißig Leute auf der Matte. Aikido war in Dortmund viel präsenter. Es gab eine Zeit, da war richtig Leben drin.
Aber Aikido war trotzdem nie etwas, das über die großen Medien kam. Judo oder Karate sieht man bei Olympia oder im Fernsehen. Aikido ist eher etwas, das man selbst entdecken muss.
Und wenn jemand einmal davon fasziniert ist, dann bleibt man oft lange dabei.
Für mich ist Aikido deshalb auch kein Sport im klassischen Sinn. Natürlich gibt es Bewegung und Technik, aber im Kern geht es um etwas anderes.
Es geht darum, nicht ständig gegen etwas zu arbeiten. Nicht Kraft gegen Kraft zu setzen, sondern wahrzunehmen, was passiert, und damit umzugehen.
Das merke ich auch heute noch in meiner eigenen Praxis. Ich mache seit einigen Jahren Stehmeditation. Das klingt erstmal ganz einfach – man steht nur da. Aber gerade dadurch nimmt man sehr viel wahr.
Am Anfang kommen Gedanken wie: „Was mache ich hier eigentlich? Ich stehe einfach nur.“ Aber wenn man länger dabei bleibt, verändert sich etwas. Man richtet sich auf, die Aufmerksamkeit geht nach innen, und man spürt die eigene Achse.
Gerade für Aikido ist das wichtig. Man arbeitet mit der Schwerkraft, mit der eigenen Haltung und mit der Zentrierung.
Auch mit dem Bokken übe ich weiterhin. Dabei geht es mir nicht darum, stärker zu werden. Es geht darum, die Bewegung aus dem Zentrum heraus entstehen zu lassen und nicht aus Kraft.
Das ist etwas, was mich auch an Lehrern wie Endō Sensei oder Yamaguchi fasziniert hat. Die haben nicht gegen jemanden gearbeitet. Die haben aus ihrer Haltung heraus gearbeitet.
Du hast nicht das Gefühl, dass da jemand Kraft einsetzt. Es wirkt eher so, als würde die Bewegung ganz natürlich entstehen.
Und vielleicht ist das die wichtigste Erfahrung: Aikido verändert, wie man Situationen wahrnimmt. Man versucht nicht mehr nur zu reagieren, sondern erst einmal zu verstehen.
Wenn du an deine ersten Jahre beim TSC zurückdenkst – was ist dir besonders in Erinnerung geblieben?
Dieses erste Bild von der Galerie.
Ich stand oben und schaute auf die Matte. Die Leute saßen vor dem Training vor dem Vorhang, ganz ruhig, und bereiteten sich vor. Dieses Bild hat sich bei mir eingebrannt.
Damals waren teilweise zwanzig oder dreißig Leute auf der Matte. Aikido war in Dortmund viel präsenter. Es gab eine Zeit, da war richtig Leben drin.
Aber Aikido war trotzdem nie etwas, das über die großen Medien kam. Judo oder Karate sieht man bei Olympia oder im Fernsehen. Aikido ist eher etwas, das man selbst entdecken muss.
Und wenn jemand einmal davon fasziniert ist, dann bleibt man oft lange dabei.
Schlusswort
Wir bedanken uns herzlich bei Manfred Antoni für das offene und spannende Gespräch, die zahlreichen Erinnerungen aus vielen Jahrzehnten Aikido sowie die großzügige Bereitstellung seiner historischen Fotografien. Sein persönlicher Rückblick eröffnet spannende Einblicke in seine Aikido-Laufbahn und hält zugleich ein wertvolles Stück der Geschichte unserer Abteilung fest, die er über viele Jahre mit seinem Engagement geprägt hat.
Bildnachweise
Alle im Interview verwendeten Fotos stammen aus dem Privatarchiv von Manfred Antoni.
Interview und Redaktion
Susanne Schimanski und Martin Klemm
Das Interview wurde für die Aikido-Abteilung des TSC Eintracht Dortmund geführt.
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